Mailänder Momente

Auch im Sommer lockt Milano, Heimat von Artemide. Eine Einladung zu versteckten Adressen und Klassikern in Italiens Wirtschaftsmetropole.

Wer nur mal kurz für Dom, Scala oder Leonardos Abendmahl vorbeischaut, streift kaum die Oberfläche. Doch warum nicht? Beginnen wir ruhig dort, wo der schöne Schein zur Kunst erhoben wurde, in der gerade einmal 470 Meter langen Via Monte Napoleone, die manche als teuerste Prachtstraße Europas bezeichnen. Wir stehen im Epizentrum der Mode. Der erste Blick fällt natürlich auf das Schuhwerk der Gäste, prüft die Stoffe, Schnitte und Farben der Saison. Wer trägt was? Und wie? Kein Wunder, dass die Flagshipstores ihre Besucher schon durch ihre Auslagen überwältigen, die kleine Inszenierungen auf Zeit darstellen.

Lebendige Designwelten

Wie stark sich Mode und Design gerade wechselseitig antreiben, zeigt sich bei Plan C Framework in der Via Manzoni 21, Concept-Store des gleichnamigen Modelabels Plan C. Über eine feuerrote Wendetreppe geht es in einen Ausstellungsraum für Kunst und Design.

Absolut sehenswert sind die Ausstellungen der Triennale Milano im Parco Sempione, kuratierte Blicke auf Design neben der Collezione permanente del design italiano, augenblicklich „Andrea Branzi by Toyo Ito Continuous Present“.

Sagenhafte Spezialisten

Mailand bietet mehr als große Marken, hier finden sich auch Tante-Emma-Läden und Geschäfte, die sonst verschwunden sind: Leder, Kordeln, Knöpfe, Zwirn und Faden – für alles gibt es Spezialisten, die auf eine teils jahrhundertelange Geschichte blicken. Bis heute umgibt Mailand ein Kosmos von Handwerkern, die altes Wissen und Kunstfertigkeit am Leben erhalten: Sattler, Seilmacher oder Fachleute für Bordüren bilden die vielen unsichtbaren Hände hinter den großen Labels und internationalen Superstars.

Seit 1775 gibt es die Libreria Bocca, aber immer ging sie mit der Zeit. Heute zeigt sie ihre Schätze in der Galleria Vittorio Emanuele II. Wer bibliophile Schätze aus Kunst- und Architektur sucht, ist hier richtig. Auch auf der Homepage dreht sich augenzwinkernd alles um Schriftgut: „Una stanza senza libri è come un corpo senz’anima.“

Kulinarische Klassiker

Natürlich wird es auch im Sommer serviert: Risotto alla Milanese gilt als Gold der Lombardei, sein tiefes Aroma stammt von Safran, seine Konsistenz von Rindermark. Auf 1574 wird eines der ersten Rezepte datiert, seither ist es zur kulturellen Institution geworden. Das Besondere daran: Geduld. Schritt für Schritt kommen Wein und Sud zum Risottoreis, köcheln und verdichten das Aroma. Ganz ähnlich sollte man sich den ersten Kontakt mit Mailand vorstellen: wohldosiert lässt sich eine Kulturstadt entdecken, die Mode, Design und Kunst auf engstem Raum verbindet.

Höchste Zeit für eine Stärkung in einem Klassiker gleich ums Eck: das Café Cracco direkt in der Galleria Vittorio Emanuele II. Unten Kaffee und Snacks für den Nachmittag, im ersten Stock liegt das zugehörige Sterne-Restaurant, bei dem sich eine Reservierung dringend empfiehlt.

Am Ende des Tages zieht es viele in die Bar Basso (Via Plinio 39), die nicht nur zur Möbelmesse Kultstatus hat. Hier wurde der „falsche“ Negroni Sbagliato erfunden, und wird bis heute in großen Gläsern serviert. Es gibt schlechtere Orte, den Tag ausklingen zu lassen. Und wer weiß, vielleicht steht auf dem Nachttisch des Hotels oder dem Gästezimmer bei Freunden ja eine Tolomeo Micro Table und führt dezent vor Augen, warum Mailand, Heimat von Artemide, die unangefochtene Designhauptstadt Italiens ist.

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